Projekt

Trotz ihrer Unterdeterminiertheit auf der begrifflichen, theoretischen und empirischen Ebene wird die Fähigkeit zu autonomem Handeln in der Regel als konstitutiv für unser Selbstverständnis als freie und verantwortliche Personen betrachtet. Darüber hinaus stellt sie eine der personalen Grundvoraussetzungen dar, die moderne Staaten bei ihren Bürgern als erfüllt unterstellen müssen. Sichtbar wird dies bereits an den Staatstheorien der Neuzeit: Als Vertragspartner beim Abschluss des Sozialvertrags können die Individuen in den Entwürfen von Hobbes, Locke oder Rousseau nur fungieren, weil sie imstande sind, autonom, d.h. rational und ihren eigenen Interessen entsprechend zu handeln. Kant z.B. besteht ausdrücklich auf der bürgerlichen Selbständigkeit als einer zwingenden Voraussetzung für die aktive Partizipation z.B. bei Wahlen.

Zwar haben sich die Anforderungen an Selbständigkeit seither geändert, dennoch ist die Autonomie für moderne Demokratien westlichen Typs auch deshalb unerlässlich, weil der Prozess des Aushandelns unter autonomen Vertragspartnern hier das Modell von politischer Meinungsbildung, Interessenausgleich und Konfliktbewältigung darstellt (Günther 1997).

Zweifel an der Autonomie

Vor diesem Hintergrund wiegen Zweifel schwer, die in den letzten Jahren an besagter Fähigkeit geäußert worden sind. Neurobiologische und psychologische Experimente werfen die Frage auf, ob menschliche Individuen faktisch Autonomie besitzen.

Im Einzelnen scheinen die Befunde zu zeigen,

  • dass rein rationale Handlungsentscheidungen gegenüber emotional codierten allenfalls einsame Ausnahmen sind, mithin also häufig unbewusste Prozesse Entscheidungen und Handeln steuern (Damasio 1999; LeDoux 1996),
  • dass bewusste Entscheidungen bloße Epiphänomene sind, da unser Handeln faktisch von subpersonalen Hirnprozessen gesteuert wird (Prinz 1996),
  • dass wir uns vielfach fundamental über die Motive unseres Handelns täuschen (Wegner 2002; Nisbett und Wilson 1977).

Darüber hinaus werden grundsätzliche Zweifel an der Autonomie menschlicher Subjekte aus der Annahme abgeleitet, dass Entscheidungsprozesse auf neuronalen Prozessen im Gehirn basieren, die ihrerseits wiederum durch allgemeine Naturgesetze festgelegt sind (Singer 2002). Das aber scheint zu bedeuten, dass unsere Handlungen und Entscheidungen schon vor unserer Geburt feststanden und damit eindeutig heteronomen Charakter haben, weil ihnen die Selbstbestimmtheit fehlt.

Die Einwände beschränken sich jedoch nicht allein auf die Frage, ob wir zu autonomem Handeln fähig sind; ernsthaft umstritten ist auch, ob bzw. in welchem Maße Autonomie überhaupt eine wünschenswerte Eigenschaft ist. Artikuliert worden sind diese Zweifel praktisch solange, wie der Begriff der Autonomie in der Philosophie eine Rolle spielt, d.h. seit dem Ende des 18. Jh. So spricht Jacobi angesichts der Kantischen Autonomievorstellung von einer "hohlen Nuß der Selbständigkeit und Freiheit im absolut Unbestimmten" und Reinhold meint, dass die Autonomie "der Grundirrthum ist, der für Grundwahrheit angenommen" worden sei. Notwendig sei dagegen ein Bewusstsein von Gott, dem "wahren Absoluten". Tatsächlich steht das Prinzip der Autonomie bis heute in der Theologie unter dem Verdacht der Bindungslosigkeit. Aber auch Autoren wie etwa der junge Georg Lukács reagierte mit seinem Diktum von der "transzendentalen Obdachlosigkeit" auf die Abwesenheit eines übergreifenden, bindenden Sinnzusammenhangs, wie er durch die Emanzipation des Subjekts und die damit verbundene Säkularisierung aufgelöst worden sei; ganz ähnliche Vorstellungen finden sich in den frühen Schriften von Adorno und Bloch.

Unabhängig davon jedoch ist Autonomie eine zentrale Voraussetzung für den Personenstatus einzelner Individuen, für die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und für das Selbstverständnis demokratischer Gesellschaften.

Umso mehr erstaunt, dass der Begriff der Autonomie bislang erstaunlich unterdeterminiert ist – er ist in aller Munde, ohne dass hinreichend klar wäre, was darunter eigentlich genau zu verstehen ist. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass die menschliche Fähigkeit zu autonomem Handeln vor dem Hintergrund von experimentellen Befunden aus den Neuro- und Kognitionswissenschaften in Zweifel gezogen werden konnte.

Neurobiologische Grundlagen autonomen Handelns

Die Klärung begrifflicher Kriterien für autonomes Handeln ist angesichts der weit reichenden begrifflichen Unklarheiten, wie sie insbesondere in der Auseinandersetzung um die Neuro- und Kognitionswissenschaften zutage getreten sind, unumgänglich (Projektmodul 1). Ziel ist dabei ein Verständnis von Autonomie als einer natürlichen Eigenschaft, d.h. einer Eigenschaft, die physisch realisiert sein kann, mit den üblichen empirischen Verfahren zu untersuchen ist, in unterschiedlichen Graden vorkommt und individualgeschichtlich entstehen und vergehen kann.

Solche normativen Festlegungen, so gut begründet sie auch sein mögen, geben jedoch keine Auskunft darüber, ob Personen die fraglichen Normen erfüllen, ob es also Autonomie in dem gemeinten Sinne faktisch gibt. Der Klärung dieser Frage dienen die beiden folgenden Projektmodule. Konkret geht es dabei zunächst darum, ob die neurobiologische Ausstattung des Menschen überhaupt die Voraussetzungen für autonomes Handeln erfüllt (Projektmodul 2).

Neuropsychologische Untersuchungen, insbesondere die bekannten Experimente von Libet (1985; 1983) sowie von Haggard und Eimer (1999), scheinen allerdings nach einer weit verbreiteten Auffassung gegen die Annahme zu sprechen, dass menschliche Subjekte in der Lage sind, autonom und verantwortlich zu handeln. Offenbar wird unser Handeln nämlich nicht autonom durch uns selbst, sondern heteronom durch ein unseren bewussten Entscheidungen nicht zugängliches Bereitschaftspotential bestimmt.

Benjamin Libet hatte experimentelle Daten erhoben, die nahezulegen scheinen, dass die Menschen nicht in der Lage sind, ihr Handeln durch einen bewussten Willensakt zu steuern (Libet 2002; Wegner 2002). Bevor Menschen eine motorische Handlung durchführen, kann in deren Elektroenzephalogramm (EEG) eine Negativierung gemessen werden, das sog. Bereitschaftspotential, das der tatsächlichen Handlung (Bewegung) zeitlich vorausgeht. Libet bat seine Probanden, zu einem beliebigen Zeitpunkt eine Bewegung durchzuführen und sich auf einer Art Uhr denjenigen Zeitpunkt zu merken, zu dem sie sich bewusst zu dieser Bewegung entschlossen hatten (W-Zeitpunkt). Er stellte in diesem Experiment fest, dass das Bereitschaftspotential früher auftrat als die bewusste Entscheidung, den Knopf zu drücken. Dieser Befund wurde vielfach als grundsätzliche Widerlegung der Fähigkeit zu bewusster Handlungssteuerung. Damit wäre auch eine notwendige Bedingung von Autonomie in Frage gestellt. Eine Reihe von Autoren hat aber Zweifel an dieser Interpretation von Libets Daten geäußert (Rösler 2006; Goschke und Walter 2005; Pauen 2004; Walter 1998; Keller und Heckhausen 1990).

Unsere Arbeitshypothese lautet, dass dieses Bereitschaftspotential eine notwendige Bedingung willentlicher Handlungen darstellt, aber Handlungen und Entscheidungen nicht so festlegt, dass dadurch die individuelle Autonomie eingeschränkt würde. Durch eine Reihe von Experimenten wollen wir diese erhärten.

Autonomie im sozialen Kontext

Wie sich im Rahmen von Entscheidungsdilemmata und psychischen Extremsituationen (wie etwa der Aufforderung, an einer Exekution teilzunehmen) zeigt, verhalten sich Menschen unter denselben situativen Bedingungen unterschiedlich, wobei es aber in der Regel so ist, dass eine weit überwiegende Mehrheit sich für konformes Verhalten entscheidet (das sie damit zugleich bildet und fundiert), während eine in der Regel verschwindend kleine Minderheit sich für abweichendes Verhalten entscheidet (z.B. Asch 1951; Milgram 1965; Browning 1996). Dies gilt auch dann, wenn Entscheidungen gegen die Majoritätsmeinung keinen formalen Sanktionsdrohungen unterliegen, die Person Nachteile also lediglich im Blick auf die aktuale soziale Beziehung zu befürchten hat

Obwohl Faktoren wie Gruppenkohäsion, Homogenität des Verhaltens der Gruppenmitglieder und die Attraktivität der Gruppe als stabiler Prädikator für das Verhalten in der Gruppe gilt, ist regelmäßig ein kleinerer Teil von Gruppenmitgliedern in der Lage, von der Mehrheitsmeinung abzuweichen und sich anders zu artikulieren bzw. zu verhalten als die anderen Gruppenmitglieder. Die Frage, warum diese Personen sich non-konform verhalten können, obwohl dieses Verhalten sich möglicherweise sozial unmittelbar nachteilig für sie auswirkt, ist erstaunlicherweise noch nicht beantwortet.

Neben sozialen Faktoren (wie persönliche Nähe zu den designierten Opfern) und strukturellen Bedingungen der Situation (wie Vorliegen von Handlungs- oder Befehlsdruck) sind es vermutlich Persönlichkeitsmerkmale wie Ich-Stärke und Autonomie, die non-konformes Verhalten auch unter restriktiven Bedingungen motivieren (Waller 2002; Wette 2002; Welzer 2005, 2006).

Unsere Arbeitshypothese, die wir wiederum in einem mehrteiligen Forschungsdesign prüfen, lautet dementsprechend, dass Autonomie ein Persönlichkeitsmerkmal ist, das situationsunabhängig Verhaltensrelevanz besitzt.

Projektziele

Neben den im Projektzusammenhang zu erstellenden Dissertationen wird ein Ergebnis des Projekts eine gemeinsame Publikation der Antragsteller zu einer integrativen Theorie der Autonomie sein, die die begrifflichen mit den neuro- und sozialpsychologischen Perspektiven zusammenführt. Darüber hinaus organisieren wir Workshops und stellen unsere Befunde auf einer abschließenden Konferenz zur Diskussion.

 

Literatur

  • Asch, S. E. (1951). Effects of group pressure upon the modification and distortion of judgements. In: Guetzkow, H. (Hg.), Groups, Leadership, and Men (S. 177-190). Pittsburg.
  • Browning, C. R. (1996). Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibatallion 101 und die "Endlösung" in Polen. Reinbek: Rowohlt.
  • Damasio, A.R. 1999. The Feeling of What Happens. Body and Emotion in the Making of Consciousness. Harcourt Brace: New York - San Diego - London.
  • Goschke, T. und H. Walter. 2005. "Bewusstsein und Willensfreiheit - Philosophische und empirische Annäherungen." In: Bewusstsein. Philosophie, Neurowissenschaften, Ethik, hrsg. v. C. S. Herrmann, M. Pauen, J. W. Rieger und S. Schicktanz. München: Fink UTB, S. 81-119.
  • Günther, K. 1997. "Der strafrechtliche Schuldbegriff als Gegenstand einer Politik der Erinnerung in der Demokratie." In: Amnestie oder Die Politik der Erinnerung in der Demokratie, hrsg. v. G. Smith und A. Margalit. Frankfurt: Suhrkamp, S. 48-89.
  • LeDoux, J. 1996. The Emotional Brain. The Mysterious Underpinnings of Emotional Life. New York: Touchstone.
  • Haggard, P. und M. Eimer. 1999. "On the Relation Between Brain Potentials and the Awareness of Voluntary Movements." Experimental Brain Research 126: S. 128-133.
  • Keller, I. und H. Heckhausen. 1990. "Readiness Potentials Preceding Spontaneous Motor Acts: Voluntary vs. Involuntary Control." Electroencephalography and Clinical Neurophysiology 76: S. 351-361.
  • Libet, B., C. A. Gleason, E. W. Wright und D. K. Pearl. 1983. "Time of Conscious Intention to Act in Relation to Onset of Cerebral Activities (Readiness-Potential): The Unconscious Initiation of a Freely Voluntary Act." Brain 106: S. 623-642.
  • Libet, B. 1985. "Unconscious Cerebral Initiative and the Role of Conscious Will in Voluntary Action." The Behavioral and Brain Sciences VIII: S. 529-539.
  • Libet, B. 2002. "The timing of mental events: Libet's experimental findings and their implications." Conscious Cogn 11 (2): S. 291-9; discussion 304-33.
  • Milgram, S. (1965). Some Conditions of Obedience and Disobedience to Authority. Human Relations, 18, 57-76.
  • Nisbett, R. E. und T. DeCamp Wilson. 1977. "Telling More Than We Can Know: Verbal Reports on Mental Processes." Psychological Review 84: S. 231-59.
  • Pauen, M. 2004. Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. Frankfurt/M.: S. Fischer.
  • Prinz, W. 1996. "Freiheit oder Wissenschaft." In: Freiheit des Entscheidens und Handelns. Ein Problem der nomologischen Psychologie, hrsg. v. M. v. Cranach und K. Foppa. Heidelberg: Asanger, S. 86-103.
  • Rösler, F. 2006. "Neuronale Korrelate der Handlungsausführung. Zur Validität der Experimente von Libet (1983)." In: Willensfreiheit als interdisziplinäres Problem, hrsg. v. K. Köchy und D. Stederoth. Freiburg: Alber.
  • Singer, W. 2002. Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Waller, J. (2002). Becoming Evil: How OrdinaryPeople Commit Genocide and Mass Killing. Oxford: University Press.
  • Walter, H. 1998. Neurophilosophie der Willensfreiheit. Von libertarischen Illusionen zum Konzept natürlicher Autonomie. Paderborn: Schöningh.
  • Wegner, D. M. 2002. The Illusion of Conscious Will. Cambridge MA: MIT Press.
  • Welzer, H. (2005). Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/M.: Fischer.
  • Welzer, H. (2006). Zivilcourage im Ausnahmezustand. Handlungsspielräume in der Diktatur. Deutschlandradio, 9., 16. und 23 April.
  • Wette, W. (2002). Retter in Uniform. Frankfurt/M.: Fischer.